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Texte

Zur Einstimmung auf den Europakongress werden bis zum 7. September 2017 - also bis einen Tag vor Beginn unserer Tagung mit ReferentInnen aus zehn verschiedenen Ländern – wöchentlich weitere Texte aufgeschaltet. Wir beginnen mit einer eigenen Antwort auf die Frage: «Warum ein Kongress über Europa?» (WOZ 32/17). Weiter geht es mit einem Interview mit Andreas Gross, einem «unermüdlichen Verfechter einer direkten Demokratie» (WOZ 33/17). Fortgesetzt wird die Reihe durch ein Interview mit der Demokratieforscherin Ulrike Guérot (WOZ 34/17) und das Porträt der Menschenrechtsaktivistin Rokhaya Diallo (WOZ 35/17).
 

Rokhaya Diallo: Eine Intellektuelle im Handgemenge

Die Journalistin und Aktivistin Rokhaya Diallo zählt zu Frankreichs schillerndsten Persönlichkeiten. Sie mischt sich überall dort ein, wo es gilt, Positionen von Minderheiten Gehör zu verschaffen.

Von Daniel Hackbarth, Paris

Auch eine Frisur kann politisch sein. Malcolm X, eine Ikone der US-amerikanischen Black-Power-Bewegung in den sechziger Jahren, berichtet in seiner Autobiografie davon, wie er sich als junger Mann immer wieder einer überaus schmerzhaften Kur unterzog, damit sein krauses Haar glatt fiel – also so wie bei den Weissen. «Wie lächerlich ich doch damals war! Dumm genug, um ganz entrückt vor lauter Bewunderung für meine Haare dazustehen, die nun ‹weiss› aussahen», schreibt er. Später liess er sein natürliches Haar stehen: aus politischen Gründen.

Das ist schon Jahrzehnte her – lange vor dem Amtsantritt des ersten schwarzen US-Präsidenten wie auch der Renaissance der Bürgerrechtsbewegung in Gestalt des Black Lives Matter Movement. Doch noch immer können Frisuren zum Politikum werden. «Wenn junge schwarze Frauen heute im Fernsehen eine Prominente wie Beyoncé sehen, die mit geglätteten und blondierten Haaren auftritt – wie sollen sie dann nicht den Eindruck haben, dass ihre natürliche Erscheinung gesellschaftlich inakzeptabel ist?», fragt Rokhaya Diallo, während sie vor dem Pariser Club La Loge sitzt.

In dem Etablissement im hippen Bastille-Viertel hat die französische Journalistin und Aktivistin eben über den Begriff der Schönheit gesprochen und ihren ZuhörerInnen dabei eingebläut, dass das, was in einer Gesellschaft als attraktiv gilt, keineswegs als etwas Selbstverständliches zu betrachten sei. Sondern als Ausdruck bestehender Machtverhältnisse – weswegen etwa schwarze Models in Hochglanzmagazinen noch immer vorzugsweise als «exotische» Schönheiten inszeniert würden. Oder eine Google-Suche nach «hübschen Frauen» hauptsächlich weisse Mannequins ausspuckt.

Kritik an «Charlie Hebdo»

Rokhaya Diallo zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten Frankreichs. Egal ob es um Frisuren und Models geht, um Polizeigewalt, institutionalisierten Rassismus, den Islam, Frauenrechte oder die materielle Ungleichheit, die der Kapitalismus hervorbringt: Diallo mischt sich ein, um Positionen Gehör zu verschaffen, die in der französischen Debatte sonst unterrepräsentiert sind. Eine engagierte Intellektuelle also, die das öffentliche Handgemenge nicht scheut. Auch wenn das mitunter heftige Gegenangriffe provoziert.

Das erfuhr Rokhaya Diallo zu Beginn des Jahres 2015 am eigenen Leib. «Das war keine leichte Zeit für mich. Es war verrückt, aber sobald ich den Fernseher anschaltete, brauchte es nicht lange, bis mein Name fiel und irgendjemand die Ansicht äusserte, Leute wie ich seien ein Problem», erzählt die Französin. Die 39-Jährige war in den Monaten nach den islamistischen Angriffen auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Der Grund: Sie hatte 2011, nachdem die Redaktionsräume des Magazins schon einmal mit Brandsätzen attackiert worden waren, einen offenen Brief unterzeichnet mit dem Titel: «Für die Verteidigung der Meinungsfreiheit, gegen die Unterstützung von ‹Charlie Hebdo›!» Nach den Morden im Januar 2015, als Terroristen in die Redaktion der Zeitschrift eingedrungen waren und zwölf Menschen erschossen hatten, wurde der Text wieder hervorgekramt. Und Diallo zu so etwas wie einer geistigen Urheberin des islamistischen Terrorismus erklärt.

«In dem Brief hatten wir kritisiert, dass ‹Charlie Hebdo› immer wieder problematische Positionen bezogen hat gegenüber Frauen oder Homosexuellen», erzählt Diallo. «Ich habe die Zeitschrift stets als sexistisch empfunden – und das ist sie heute noch.» Dazu komme, dass die Darstellung von schwarzen Menschen in den Karikaturen, die «Charlie Hebdo» druckt, rassistische Stereotype bediene: Schwarze würden so etwa stets mit dicken Lippen gezeichnet.

Nun lebt Satire vom Tabubruch – und ist darin durch das Recht auf freie Meinungsäusserung geschützt. Auch Diallo weiss das. «Ich bin absolut für das Recht auf freie Meinungsäusserung», entgegnet sie. «Aber darunter fällt auch mein Recht, eine Zeitschrift wie ‹Charlie Hebdo› zu kritisieren. Wir leben in einer Demokratie, da sollte so etwas selbstverständlich sein.» In der Zeit nach den Anschlägen sei eine differenzierte Debatte allerdings kaum noch möglich gewesen – es waren die Wochen, in denen sich nicht nur in Frankreich, sondern weltweit Millionen den Slogan «Je suis Charlie» ans Revers hefteten (oder zumindest ans Profilfoto auf Facebook). «Dabei war doch gar nicht klar, was dieser Satz überhaupt bedeuten soll. Wenn ‹Ich bin Charlie› heisst, dass man gegen Terrorismus ist, dann bin ich natürlich für Charlie! Wenn es aber bedeutet, dass man alles unterstützt, was diese Zeitschrift druckt, dann muss ich einfach sagen: Nein, ich bin nicht Charlie!» Gerade in solchen Diskussionen seien die Nuancen entscheidend, findet Diallo.

Die Hautfarbe als Problem

Geboren wurde Rokhaya Diallo in Paris, ihre Eltern waren aus Westafrika nach Frankreich emigriert. Sie sei damals in einem sozial gemischten Viertel aufgewachsen, erzählt sie. «Ich habe mich, seitdem ich denken kann, als Feministin begriffen.» Als junge Frau bekam sie irgendwann das Buch «No Logo!» der US-amerikanischen Journalistin Naomi Klein in die Hände – einen Klassiker der Antiglobalisierungsbewegung, der auch Diallo beeindruckte. Nach der Lektüre begann sie, sich für Attac zu engagieren; auch heute noch gelten ihre Sympathien diesem Milieu, bei der jüngsten Präsidentschaftswahl stimmte sie für Philippe Poutou, den Kandidaten einer antikapitalistischen Splitterpartei.

Als Heranwachsende wurde Diallo zudem bewusst, dass ihre Hautfarbe ein Problem darstellt – jedenfalls für einen nicht unerheblichen Teil der Gesellschaft, in der sie lebt. «Je länger ich die Bildungsinstitutionen durchlief, desto seltener waren es schwarze Menschen, die ich um mich hatte», erzählt sie. Dafür wurde sie immer öfter gefragt, woher sie denn «eigentlich» stamme. Oder bekam zweifelhafte Komplimente, etwa wenn sie dafür gelobt wurde, dass sie gut Französisch spreche. «Ich habe dann immer erwidert: Ähm, Entschuldigung, aber ich bin auch von hier!»

Auch wegen solcher persönlicher Erfahrungen gründete Diallo die antirassistische Organisation Les Indivisibles. Die Initiative verfolgt das Ziel, die in der französischen Gesellschaft herrschenden Vorurteile zu bekämpfen. So prangerten die AktivistInnen die polizeiliche Praxis des Racial Profiling an oder kritisierten die Law-and-Order-Parolen, mit denen rechte PolitikerInnen nach den Unruhen in den Pariser Vorstädten 2005 immer wieder auftrumpften. Bis 2010 war Diallo Vorsitzende der Indivisibles.

Kulturkampf am Strand

Hat sich die Situation in Frankreich seither zum Besseren gewandelt? Eher dürften verheerende Anschläge wie diejenigen in Paris im November 2015 oder in Nizza im Juli 2016 die Gesellschaft noch weiter polarisiert haben. So erfährt der Front National bei Wahlen eine vor einigen Jahren noch kaum für möglich gehaltene Zustimmung. «Ich bin Muslimin», sagt Rokhaya Diallo. «Ich habe das früher nie öffentlich gemacht. Aber mittlerweile ist die Islamophobie in Frankreich so ausgeprägt, dass es mir wichtig ist, mich dazu zu bekennen und an der Seite der anderen Muslime zu stehen, die hier leben.» Es gelte, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die meisten MuslimInnen nicht den gängigen Stereotypen entsprechen. Und damit die Art und Weise, wie in Frankreich über den Islam gesprochen werde, zu verändern.

Wie diese Debatte geführt wird, war gut im vergangenen Sommer zu beobachten, als das Land hitzig über den Burkini stritt. Damals verboten mehrere französische Städte das Tragen dieses Kleidungsstücks, das es auch konservativen Musliminnen ermöglichen sollte, am Strand zu baden. Für die BefürworterInnen des Verbots war der Burkini ein weiteres Symbol für die Unterdrückung der Frau im Islam. Marine Le Pen vom Front National schwang sich damals zur Verteidigerin der Rechte der Frauen auf, als sie erklärte, der Gesetzgeber müsse unbedingt in Sachen Burkini eingreifen – «um den Fundamentalismus zu bekämpfen, die Frauen zu schützen, den Laizismus und unsere Lebensart zu wahren». Die ganze Debatte sei verrückt gewesen, sagt Diallo rückblickend.

«Für mich als Feministin ist es absurd, wenn Frauen vorgeschrieben wird, wie sie sich anziehen sollen. Aus feministischer Perspektive ist es doch zentral, dass Frauen über ihren Körper in der Art und Weise verfügen können, die sie für richtig halten. Und wenn dann eine Frau für sich entscheidet, einen Schleier zu tragen, dann ist das okay, solange sie dazu nicht gezwungen wird», sagt sie. Immerhin sind es nicht nur rechte HardlinerInnen, die in solchen Auseinandersetzungen den Mund aufmachen. Als vor einigen Jahren in Frankreich das Kopftuchverbot an Schulen diskutiert wurde, konnte man bei den Protesten junge Frauen sehen, die Kopftücher in Farben der Tricolore trugen. «Das war ein beeindruckendes Bild», sagt Diallo. «Es signalisierte: Auch wir sind von hier. Und wir sind keine Fremden!»

Rokhaya Diallo nimmt beim Europakongress der WOZ an einem Panel zum europäischen Grenzregime sowie am Abschlusspodium teil.

Die «Nappy»-Bewegung

Ende 2015 hat Rokhaya Diallo ein Buch mit dem Titel «Afro!» (nur auf Französisch) veröffentlicht, in dem schwarze Französinnen aus unterschiedlichen Milieus vorgestellt werden – darunter auch Prominente wie die sozialistische Politikerin und Exjustizministerin Christiane Taubira. Alle Porträtierten eint, dass sie erst im Lauf der Jahre gelernt haben, ihr Haar als schön zu empfinden und stehen zu lassen.

Damit folgen sie einem Trend, der in den vergangenen Jahren aus den USA nach Frankreich herübergeschwappt ist: Die «Nappy»-Bewegung – ein Kofferwort aus «natural» (natürlich) und «happy» (glücklich) – ermuntert Frauen dazu, sich zum Afrolook zu bekennen, anstatt das Aussehen der Weissen als ästhetische Norm zu betrachten. Politisch folgt dies dem Programm der Cultural Reappropriation, der kulturellen Wiederaneignung schwarzer Ästhetik.

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